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TdV Aktuell 23.11.2017 - 16:34
 
06.07.2002 Das war die STELLA
Porträt 1986 - 2002


















STELLA – das ist eine Unternehmensgeschichte, die seit Mitte der 80er Jahre die Deutschen mit Musicals verzauberte. Es ist aber gerade in den letzten Jahren auch eine Geschichte, die Höhen und Tiefen aufweist.

Friedrich Kurz, ein Schwabe aus Nürtingen, war es, der 1986 in Hamburg das bis dahin kaum Denkbare vollbrachte. Eine en-suite Musicalproduktion in Deutschland, nämlich CATS in Hamburg. Die Stadt Hamburg hat bei Abschluss des Mietvertrages wohl selber nicht mit dem Erfolg gerechnet, denn das Operettenhaus wurde Friedrich Kurz mietfrei überlassen – gekoppelt jedoch an die Laufzeit von CATS. Mit der Premiere von CATS am 18.04.1986 war auch die STELLA Theater Produktions GmbH am Markt – und dies mit ungeahntem Erfolg. CATS faszinierte die Deutschen und bescherte dem Hamburger Tourismus einen regelrechten Boom.

1988 dann steig Rolf Deyhle, ebenfalls schwäbischer Unternehmer, mit 50 % bei Friedrich Kurz ein und nunmehr führte ein Duo dieses Unternehmen am Markt. Am 12.06.1988 feierte dann in Bochum der Starlight Express, am Broadway zuvor gefloppt, seine umjubelte Uraufführung. Erstmals hat man hier nicht ein Theater für ein Musical umgebaut, sondern vielmehr ein Theater für ein Musical gebaut. Auch heute, 14 Jahre später, wird noch gerollt was das Zeug hält in einer gerade wieder „renovierten und aufgepeppten“ Show. Überhaupt erlebte Bochum durch Starlight Express eine Verdoppelung der Übernachtungszahlen. STELLAs zweiter Halt am Musicalnetz Deutschland.

Zurück ging es an die Alster, wo das Duo Kurz / Deyhle den Hamburgern und dem Publikum ein weiteres Theater und ein weiteres Weltklassestück präsentieren konnten: Das Phantom der Oper feierte am 29.06.1990 Premiere in der ebenfalls neu erbauten „Neuen Flora“.

1991 trennen sich die Wege von Rolf Deyhle und Friedrich Kurz. Deyhle führt zukünftig alleine die STELLA. Deyhle und Manager Günter Irmler sehen in Deutschland ein Riesenpotential für 10 bis zwölf Musicalproduktionen von denen sich STELLA das Gros sichern will.

1994 der nächste große Wurf. Stuttgart bekommt ein „Urban Entertainment Center“. Hotel, Musical, Wellness, Shopping, dies alles hält mit der Premiere von Miss Saigon am 02.12.1994 Einzug in den sonst eher beschaulichen Stadtteil Möhringen. Das ehemalige Hotel Stuttgart International ist um einen imposanten Turmbau ergänzt und residiert von nun an unter der Firmierung Copthorne Hotel.

Nächste Stadt, nächstes Musical – Les Misèrables feierte Premiere in Duisburg am 26.01.1996. Das Ruhrgebiet wird gerade in Sachen Musical attraktiver. Noch im gleichen Jahr, am 13.12.1996, dann der nächste „Ruhrgebietscoup“ in einer ehemaligen Werkstatt der Kruppschen Werke – jetzt Colosseum genannt, eröffnet Joseph als nunmehr sechste Produktion der STELLA. Man spricht inzwischen vom „Broadway an der Ruhr“ und nützt dies auch intensiv in der Vermarktung.

Zurück nach Stuttgart – am 05. Dezember 1997 feierte nicht nur Disney´s Die Schöne und das Biest Premiere - nein, auch das SI-Centrum wurde erweitert. Unterirdisch verbunden konnte man nun trockenen Fußes nicht nur beide Musicals sehen sondern auch wesentlich mehr gastronomische Akzente genießen oder einfach sich dem Shoppingerlebnis ganz hingeben. Ein zweiter wesentlich größerer STELLA Shop setzte auf Merchandising pur. In der Gastronomie lockten Themenrestaurants wie das Backstage, wo man inmitten Kulissenteilen aus STELLA Produktionen die Einstimmung auf die Show fand. Aber auch an andere Geschmäcker war gedacht. Ob nun das SWF3 Rockcafe, der Sylter Fischmarkt oder die Bellevue Bar – jeder Geschmack wurde abgedeckt.

Bei den rechnerisch 28.000 Besucher, die man Woche für Woche hätte durchschleusen können, war es klar, dass ein weiteres Hotel her musste. Neben den 454 Zimmern in den Bereichen Standard und Classic im Copthorne Hotel eröffneten die STELLA Suites mit 193 weiteren Zimmern. Auch die Cinemaxx Gruppe siedelte sich mit einem Kinocenter direkt im Komplex an. Rolf Deyhle ist am Höhepunkt seines Imperiums angekommen.

1997 ist aber auch das Jahr, in dem Rolf Deyhle seine Perle, die STELLA wie 1996 angekündigt, an die Börse bringen wollte. Der Börsengang blieb jedoch aus.

1998 räumt Deyhle erstmals finanzielle Probleme ein. Das Land Baden-Württemberg bürgt mit 30 Millionen Mark und die Landesbank übernimmt 8 % der STELLA Anteile. Mitte 98 muss Rolf Deyhle seine STELLA Aktien an die Hypovereinsbank abtreten. Rolf Deyhle ist entmachtet und ein Neuanfang scheint möglich. Günter Irmler steht fortan an der Spitze der STELLA.

Im März 1999 rückt der Vorsitzende des Aufsichtsrates der STELLA, Hemjö Klein, als Vorstandsvorsitzender nach und übernimmt das Amt von Günter Irmler. Die Banken stellen weitere 50 Mio DM bereit.

05. Juni 1999 – Mit Disney´s „Glöckner von Notre Dame“ feiert STELLA eine Weltpremiere in Berlin. Das Theater am Marlene Dietrich Platz soll zukünftig Anziehungspunkt für Berlin Besucher werden.

Neue Finanzierungslücken tun sich auf und am 26. November 1999 stellt Hemjö Klein Insolvenzantrag für die STELLA AG.

Für Les Misèrables in Duisburg fällt 26 Monate nach der Premiere am 28.11.1999 der letzte Vorhang. Joseph verabschiedet sich am 12.12.1999 fast exakt 3 Jahre nach der Premiere aus Essen. Vom Broadway an der Ruhr sprach niemand mehr. 2,3 Millionen Besucher der Stücke standen 58 Millionen DM Subventionen gegenüber. Am 19.12.1999 erschießt sich dann auch ein letztes Mal Kim in Miss Saigon.

Im Rahmen der Insolvenz sind zwei Interessenten im Rennen die DEAG mit Peter Schwenkow an der Spitze und die Niederländische Stage Holding um Joop van den Ende. Die DEAG AG teilt am 28.02.2000 mit, daß ein Gros der Stella mit Wirkung zum 01.04.2002 übernommen wird .

Die umjubelte Deutschland Premiere des „Tanz der Vampire“ findet am 31.03.2000 in Stuttgart statt.

Hemjö Klein scheidet im April 2000 aus und als Nachfolger wird Klaus von der Heyde eingesetzt, Banker und Rechtsanwalt, der den Unterhaltungskonzern wieder in das richtige Fahrwasser führen soll.

22.12.2000 – Derniere Die Schöne und das Biest
28.01.2001 – Cats Hamburg schliesst
02.03.2001 – Premiere CATS in Stuttgart
März / April 2001 Unio Mystica und Max Raabe als Zwischenbespielung im Operettenhaus

08.06.2001 - Premiere Fosse – Die Show im Operettenhaus Hamburg
30.06.2001 – 11. Geburtstag und Derniere Phantom der Oper
21.09.2001 – Premiere Mozart!“ Das Musical
24.10.2001 – Das Phantom der Oper wird Nachfolger von CATS in Stuttgart
30.12.2001 – Derniere Fosse – Die Show
11.01.2002 – Premiere von Oh what a night – Operettenhaushaus
16.01.2002 – Stella kündigt die letzte Show Glöckner für den 16. Juni 2002 an
24.01.2002 - Stella kündigt für den September Saturday Night Fever in Berlin an.

Ende April geht dann alles ganz schnell – entgegen den Prognosen des DEAG Chefs und STELLA Mehrheitseigner Peter Schwenkow, eigentlich ein erfahrener Mann im Entertainment Business, stellt STELLA am 30.04.2002 nach einer außerordentlichen Aufsichtsratsitzung der DEAG Antrag auf Planinsolvenz in Eigenverwaltung. DEAG Chef Schwenkow entscheidet sich die heiße Kartoffel in Gestalt der STELLA Anteile sofort abzustoßen, respektive auf einen Treuhänder zu übertragen. Weiterhin schafft die DEAG es auf der eigenen Homepage, innerhalb von 2 Tagen alle Links auf den Unternehmensbereich STELLA zu entfernen .... Life goes on.

Die Stage Holding hat noch am 30.04.2002 die wirtschaftliche Verantwortung für das Operettenhaus übernommen und allen Mitarbeitern die ausstehenden Gehälter per Scheck ausbezahlt.

Hinnerk Joachim Müller und Reinhard Titz, diesmal als vorläufige Insolvenzverwalter für die BMM und die Betriebsgesellschaften bestimmt, haben nun die Aufgabe bis 30.06.2002 die „dankbare“ Aufgabe, Retter in der Not zu spielen. An deren Verhandlungsgeschick hängt das Schicksal vieler Mitarbeiter aber auch vieler Unternehmen, die durch die Infrastruktur mit und von den Musicals leben.

Am 03. Mai 2002 können wir ein Interview mit Maik Klokow – General Manager der Stage Holding Deutschland führen. Maik Klokow äußert seine Gedanken und kann sich durchaus vorstellen, dass Graf von Krolock bald für die Stage beißen wird.

Zwischen Mitte und Ende Mai geht der Relaunch der STELLA Website on und Stella präsentiert sich im Internet in neuem aufgepeppten Design.

Der Juni bricht an und somit der letzte Monat des vorläufigen Insolvenzverfahrens. Schlag auf Schlag überrascht STELLA mit Neuigkeiten:

Juni 2002: Ticketline sehr schwer erreichbar, da personell nur spärlich besetzt
Juni 2002: Clear Channel hat sich aus den Verhandlungen zurückgezogen – Stage Holding mittlerweile einziger Interessent.
Juni 2002: STELLA nimmt den Ticketverkauf von der neuen Homepage.
04.06.2002: STELLA verkündet letzte Show Mozart für den 30. Juni 2002
07.06.2002: CATS wird statt am 28. Juli 2002 ebenfalls am 30. Juni 2002 enden
Juni 2002: In der Presse sickert durch – Stage will alle Häuser ausser Starlight übernehmen.
15.06.2002: Zitat Maik Klokow in der Presse: Bis Freitag (21.06.) haben wir die Kuh vom Eis.
18.06.2002: Pressespekulationen – Günter Irmler will bei Starlight einsteigen.
19.06.2002: Maik Klokow zu Besuch in Stuttgart bei OB Schuster und Touristikdirektor Lindemann. Entscheidung der Stage Holding wird vertagt auf 27.06.2002.
20.06.2002: Starlight Express bäumt sich auf - Gratis Benefizshow für Fans und Unterstützer.
26.06.2002: Die für den 27.06. geplante Pressekonferenz wird verschoben. Das Zittern geht weiter.
28.06.2002: Der Termin für die Pressekonferenz steht fest – Am Montag, 01.07.2002 werden Stage Holding Chef Maik Klokow und Insolvenzverwalter Bernhard Titz im Park Hyatt Hotel in Hamburg über die Ergebnisse der Übernahmeverhandlungen informieren.
30.06.2002: Derniere von „CATS“ in Stuttgart, „Mozart! Das Musical“ in Hamburg und Disney´s „Der Glöckner von Notre Dame in Berlin“
01.07.2002: Im Park Hyatt Hotel Hamburg gibt Maik Klokow auf einer Pressekonferenz bekannt, dass die Stage Holding für die Theater in Stuttgart, Hamburg und Berlin bindende Übernahmeangebote abgegeben hat. Hierzu müssen Gläubigerversammlung, Banken und Personalvertretungen bis zum 10. Juli noch zustimmen.

Die STELLA gibt es faktisch nicht mehr oder nur noch auf dem Papier. Mit der Stage Holding hat sich ein Entertainment Unternehmen holländischen Ursprungs in das Rennen begeben, in dem es darum geht, dem Besucher für ein unvergessliches Erlebnis die Summe X zu entlocken. Die Stage Holding wird neuer Arbeitgeber für annähernd tausend Mitarbeiter mit der entsprechenden sozialen Verantwortung. Maik Klokow betont immer wieder, dass es sich bei den Stage Holding Mitarbeitern um Leute handelt, die Theater lieben und nicht auf den Markt gehen um Börsenkurse zu beeinflussen, das sei das Erfolgsgeheimnis.

Wir wünschen der Stage Holding in jedem Falle viel Erfolg bei der weiteren Expansion in Deutschland. Möge der Kurs geradeaus sein, jedoch nicht dem der Neuproduktion Titanic (ab Dezember in der Neuen Flora) folgen.

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