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TdV Aktuell 21.11.2017 - 04:42
 
06.08.2002 CASPAR HAUSER Premiere in Ansbach
Gedanken und Impressionen






















Ansbach – Regierungshauptstadt Mittelfrankens und mit seinen 40.000 Einwohnern landschaftlich sehr schön gelegen. Wenn da nur die Baustellen im Innenstadtbereich nicht wären. So dauerte die Fahrt von Böblingen bis zur Autobahnabfahrt Ansbach gerade einmal 1 Std. 10 Minuten und die Fahrt bis zum Tagungszentrum Onoldia dann nochmals ganze 20 Minuten. Aber angekommen sind wir doch überpünktlich. Schließlich hatte CASPAR HAUSER zur Premiere gerufen und schon um 18:00 Uhr - 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung sah man bekannte Gesichter und viele Menschen mit Vampir T-Shirts vor dem Tagungszentrum stehen.

Gegen 19:30 Uhr wurde es dann richtig voll und ein Kommentar eines offenkundig einheimischen war „So viele Gebisse hab ich ja noch nie gesehen“ – dies bezog sich auf die zahlreichen Fahrzeuge, die stolz den Gebissaufkleber am Heck trugen. Ansbach, zur Zeit fest in der Hand der Kaspar Hauser Festspiele, wartete gespannt auf das Highlight derselbigen und den Publikumsmagneten. Dirk Klee – Pressesprecher der Produktion hierzu: „Seit Freitag sind wir trotz der 100 zusätzlichen Plätze komplett ausverkauft – wenn heute noch jemand kommt, dann gibt es nur noch Stehplätze“.

Neben vielen Fans von TdV, die zum Teil lange Anfahrtswege in Kauf genommen haben, waren im Publikum unter anderem Reto Tuchschmid (Kostümchef), Kerstin Köhler (Betriebsbüro), einige Mitarbeiter der Maske, sowie von der Cast Stéphane Le Breton und Melanie Gemeiner zu entdecken. Auch Radio und TV fieberten der Premiere entgegen, genau wie die geladenen Gäste aus Kultur, Politik und Wirtschaft.

Es war 20:05 Uhr als mit rhythmischem Klatschen der Beginn eingefordert wurde. Aus einer Seitentür betrat Komponist Heiko A. Neher den Saal um direkt hinter dem Piano Platz zu nehmen, das für die nächsten Zweidreiviertel Stunden neben dem Schlagzeug das einzige Werkzeug sein sollte, diese Premiere zu begleiten. Ein Blick auf die Bühne zeigte eigentlich nichts. Eine in den Saal Vorgelagerte Bühne, nach hinten mit einem einfachen weißen zweiteiligen Vorhang verschlossen. Über allem prangte dann die Leinwand auf der das CH Logo zu sehen war.

20:08 Uhr .... es ging los und es war mucksmäuschenstill als Jessie Roggemann mit „Wieder und wieder“ das Stück eröffnete. Ab diesem Zeitpunkt folgte die Geschichte des Caspar Hauser im Schnelldurchlauf. 21 Jahre in 2 Akten und 2,5 Stunden. Das bedeutete für den Zuschauer Schwerarbeit, den Zeit- und Gedankensprüngen zu folgen, die da auf der Bühne stattfanden. Man tat gut daran, sich vorher mit der Geschichte des Caspar auseinandergesetzt zu haben.

Wer dies getan hat, der erlebte ein Stück das von der ersten bis zur letzten Minute eigentlich keine Zeit bot, sich einmal zurückzulehnen oder zu entspannen ..... 21 Jahre wollen durchlaufen werden und das in einer vorgegebenen Zeit. Tobias Weis (Regie und Buch) hat zusammen mit Heiko A. Neher etwas geschaffen, das den Zuschauer fordert. Ein nicht einfacher Stoff umgesetzt in ein Musical, das trotzdem packend ist. Dies nicht zuletzt dank der hervorragenden Besetzung des Abends. Caspar Hauser als Kind, verkörpert von Sunhild Giess, agierte sehr schön und zu Tränen rührend harmonisch mit Bühnenmutter Jessie Roggemann. Nach dem Zeitsprung gab es dann den heranwachsenden Caspar, dargestellt von Stefan Poslovski, zu sehen. Hier von einer Hauptrolle zu reden wäre sicher falsch, denn es ist die Titelrolle – Hauptrollen gibt es in diesem Stück einfach zu viele, um eine einzige zu definieren. Jeder Charakter ist wichtig und fast ausgeglichen bühnenpräsent. Stefan hat diese Hauptrolle so verkörpert, wie es sich für eine solche gehört – unaufdringlich und einfach toll!

Christoph Trauth als Leopold von Baden - in einem Kostüm, das fast vom Schauspielerischen ablenkt, hatte als dem Alkohol zugeneigter eine Rolle in der nicht nur seine schauspielerischen und gesanglichen Fähigkeiten voll gefordert wurden – auch konnte man meinen, dass Stuntfähigkeiten durchaus dazugehören.

Jeanne Marie Nigl als stets dominante Gräfin von Hochberg, die wie ein Leitfaden durch die Geschichte führte, war einzigartig. Stimmgewaltig, schauspielerisch mit der notwendigen Dominanz und Arroganz in dieser Rolle kann man nur von einer absoluten Traumbesetzung reden.

Jessie Roggemann als Stéphanie de Beauharnais und Marktfrau war immer stimmsicher, überzeugend auch in der Mutterrolle und man hatte als Zuschauer das Gefühl, sie lebt diese Rolle voller Emotion.

Espen Nowacki als Gerichtspräsident - überzeugend, edel – ein Mann von Haltung und mit klarer Stimme. Manchmal konnte einen das Gefühl beschleichen ... der gehört doch zur Oper! Auch auf der Musicalbühne macht Espen eine gute Figur und gar köstlich war die Szene wo er zusammen mit Christoph Trauth zwei betrunkene Schuster gespielt hat.

Martin Berger – Musicalurgestein und hier in der Rolle des Gefängniswärters Hiltel und als Lehrer zu sehen. Martin live – und undurchsichtig deshalb wie auf der Bühne gespielt so genial – niemand kann seine Gedanken lesen und deshalb steht auch nicht wirklich Martin Berger auf der Bühne sondern wirklich nur die beiden Rollen, die er verkörpert. Man hatte das Gefühl, erst nach dem Schlussapplaus kam der wahre Martin Berger zurück nach einer Verkörperung von zwei Personen, die vor mehr als 150 Jahren gelebt haben.

Tobias Weis – der agierende Regisseur. Man sollte meinen, so ein Mensch sei besonders angespannt...erkennbar war es zumindest nicht. Souverän mit dem immer gleichen Lächeln auf den Lippen bei seinen Auftritten spielte er das Stück durch und baute so einen Mantel des Mysteriums um sich auf.

Antje Kohler hier in drei Rollen zu sehen war einfach ein Genuss. Gibt es den Traum eines
Schwiegersohnes schon lange, so muss spätestens seit Ansbach der Schwiegertochtertraum kreiert werden. Antje spielte, als ob sie noch nie etwas anderes gemacht hätte und fügte sich in das Ensemble, das eigentlich nur aus ehemaligen TdV´lern bestand, perfekt und harmonisch ein

Nach einem relativ kurzen zweiten Akt, kam es dann zum Finale des 2. Akt – und Caspar wurde ermordet, dies ganz leider nicht so deutlich dargestellt, dass man es auch aus den hinteren Reihen nachvollziehen konnte.....nach dem eigentlichen Finale folgte dann – ebenfalls ungewöhnlich noch ein Solo des sterbenden Caspar mit einem Reprise seines Stückes „Das Weg ins Glück“ und ein Reprise des Reiterliedchens, das im ersten Akt die Begegnung mit Caspar einleitete. Nach leichter Verunsicherung merkte auch der letzte, dass das Stück vorüber war und es setze, wie schon zuvor nach den Szenen ein begeisterter ja fast überschwänglicher Applaus ein, der selbst dann nicht aufhakten wollte, als das Saallicht schon wieder anging. Noch einmal - und das nach wirklich längerem und massiven Applaus - „musste“ sich die Cast dem Publikum stellen – Emotionen, glückliches Lächeln, verschämtes Betrachten der Blumen oder des Plüschpferdes (das Sunhild anstelle der Blumen bekommen hat) – alles war dabei – Ansbach feierte CASPAR HAUSER – Das Musical

Tobias Weis und Heiko A. Neher hatten im Premierenheft als Schlusswort geschrieben „Hiermit entlassen wir unseren Schützling in eine noch ungewisse Freiheit und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen, dann vielleicht auf einer der großen Bühnen Deutschlands.“

Dem Schützling ist die Freiheit mit dem „Ansbach Bonus“ zu Gute gekommen und wir sind uns fast sicher, dass dieses Stück mit einer kreativen und kritischen Weiterentwicklung auch außerhalb Ansbachs große Chancen hat, das Publikum zu begeistern, welches sich nicht zwingend vorab mit der Story intensiv beschäftigen möchte.

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